22.06.2020

Sind Polizisten Abfall? - Über die TAZ, „links“-elitĂ€re „Scheiße“ und die RealitĂ€t

Vor ein paar Tagen fabulierte eine Hengameh Yaghoobifarah in der TAZ ĂŒber die Abschaffung der Polizei und was man dann wohl mit den 250.000 arbeitslosen Polizisten tun wĂŒrde. Sie trifft das Fazit, diese gehörten nicht etwa in einen Job, wo diese Umgang mit Menschen hĂ€tten, sondern sollten einen „auf der Halde, wo sie wirklich nur von Abfall umgeben“ seien, bekommen und endet mit, „unter ihresgleichen fĂŒhlen sie sich bestimmt auch selber am wohlsten.“

Das ist in jeder Hinsicht unfair und böse. Und ich reagiere jetzt mal genau so:

Die, dem Beitrag nach wohl „mindestens untervögelte“  TAZ-Autorin gehört einem Kreis an, der sich selbst fĂŒr „links“ hĂ€lt und elitĂ€ren Quatsch verbreitet. Der zu dem - wegen der Dummheit - erweislich auch „nicht wirklich elitĂ€r“ ist. Und in der TAZ viel Raum findet, um sich auszuspinnen.

Ich bin kein Polizist. Aber ein „alter weißer Mann“ (um die HassgrĂŒnde perfekt zu machen: „Babyboomer“ und „hetero“) und damit ĂŒbrigens auch ideales Zielobjekt des selben - ĂŒbrigens ebenfalls rassistischen - Hasses der selben „linkselitĂ€ren“ Kreise, die sich „links“ nennen - aber tatsĂ€chlich keinen Deut mehr fĂŒr die Belange der sogenannten „Unterschicht“ interessieren, ist. FĂŒr mich sind viele der TAZ-Kolumnisten nicht anderes als Spinner, denn zu der von echten Linken zu vertretenden  „Unterschicht“ der (potentiellen) „Arbeitnehmer“ gehören wie andere Menschen die (wie eben auch ich) ihren Lebensunterhalt durch ehrliche Arbeit verdienen - oder gern verdienen wĂŒrden - eben auch Polizisten. Und wenn man sich fĂŒr „links“ hĂ€lt und nicht fĂŒr eine(n) Spinner(in) gehalten werden will, dann kann man auch mit Polizist(inn)en nicht so umgehen.

Andernfalls findet die Schicht der WerktÀtigen (oder derer, die es gerne wÀren) auf der linken Seite der Politik keine Vertretung mehr und wird in die Arme der RechtspopulÀren wie der AfD getrieben! Das genau ist es, was Hengameh Yaghoobifarah getan hat.

Meine eigenen Erfahrungen mit der Polizei sind ganz andere - was die selben „linkselitĂ€ren Spinner“ sicher einzig darauf zurĂŒckfĂŒhren werden, dass ich ja ein „alter weißer Mann“ ("und auch noch Hete!") sei, der von der Polizei nichts zu befĂŒrchten habe. Was nicht stimmt, denn ich bin, obwohl ich mich selbst als „weitgehend rechtstreu“ ansehe, stets ein heißer Kandidat fĂŒr die Wahl zum „Mister Ordnungswidrig“. Es gab in meinem Leben auch schon „schwere ZusammenstĂ¶ĂŸe“ mit der Polizei.

Aber ich begegne Polizist(inn)en in erster Linie höflich, sogar genau so freundlich wie einer VerkĂ€uferin, dem Personal der Bahn und denen, die mich und meinen Rucksack im „Taxi“ (in Kassel haben wir „Minicars“) nach Hause bringen - weil das alles - inklusive Polizist(inn)en - Menschen sind, die einen oft verdammten Job fĂŒr mich machen.

Polizisten begeben sich - just auch fĂŒr mich - quasi tĂ€glich in die Gefahr, angegriffen und physisch und/oder psychisch verletzt zu werden. Jeder, der auch nur eine Sekunde nachdenkt, sollte ergrĂŒnden können, was es aus ihm selbst machen wĂŒrde, wenn er als „Hurensohn“ bezeichnet, mit Flaschen und BrandsĂ€tzen beworfen wird oder sich die herumliegenden FleischstĂŒcke irgendwelcher Spinner ansehen muss, die es „ein wenig zu eilig zu einem Date mit einem BrĂŒckenpfeiler“ hatten“. (Das ist die Variante, die ich meinen Lesern gerade noch zumuten möchte - aber grausam genug ist, um zu zeigen, was ich aufzeigen will.)

Meine eigenen Erfahrungen mit der Polizei - also Polizisten - sagt mir ganz klipp und klar: Wenn man denen freundlich und menschlich - also nicht aggressiv und pöbelnd - begegnet, dann reagieren diese - grĂ¶ĂŸtenteils - nicht anders als als andere, ganz normale Menschen, nĂ€mlich freundlich und zurĂŒckhaltend. Und inzwischen sehe ich, dass viele Polizisten einen „Migrationshintergrund“ haben - was es fĂŒr mich schwieriger macht, an einen echten strukturellen Rassismus zu glauben.

Ich bin auch informiert und kenne z.B. die unfassbaren individuellen Fehler und VorgĂ€nge, die zum Tod von Amad Ahmad fĂŒhrten. Auch ich habe den Verdacht dass hier jemand bewusst zu Unrecht handelte (immerhin geht die Geschichte auf einen Konflikt - von Amad Ahmad provozierten Konflikts - zurĂŒck, bei dem die minderjĂ€hrige Tochter eines wohl lokal recht einflussreichen Polizisten mindestens sexuell „beleidigt“ - ich denke eher „in absolut nicht akzeptabler Weise belĂ€stigt“ - wurde, zurĂŒck.) Der Unwille diese Geschichte aufzuklĂ€ren, insbesondere die Frage, wieso Amad Ahmad in Haft blieb, nachdem eine StaatsanwĂ€ltin die Polizei ĂŒber die Verwechslung fernmĂŒndlich informierte (und warum nicht fernschriftlich?), folgt einem strukturellen Problem. Klar kann man in einem Rechtsstaat nicht den rothaarigen Herrn MĂŒller (auch wenn er es verdient hĂ€tte) wegen eines Haftbefehls gegen den blonden Meier in den Knast stecken. Hier entsteht die Frage, wie sowas passieren konnte.

In den sich fĂŒr „links“ haltenden Medien lese ich immer wieder, dass Amad Ahmad eigentlich mit dem anderen hĂ€tte gar nicht verwechselt werden können, weil der aus einem Land stamme, wo man halt nicht so aussehe, wie einer aus einem anderen Land. Was ihr forert, ihr Freunde linker Marschmusik, ist nach Eurer eigenen (sic!) Definition schlicht und einfach „Rassismus“! Denn als „Rassismus“ bezeichnet ihr es dann auch, wenn eine Berlinerin, deren Aussehen statistisch signifikant hĂ€ufiger Afrika, genauer Nigeria als Berlin als Geburtsort vermuten lĂ€sst, zur IdentitĂ€tsfeststellung mitgenommen wird, nur weil auf der von ihr vorgelegten Kreditkarte etwas wie "Vanessa MĂŒller" steht. Wie hĂ€tten es die „linken“ SchlaumeierInnen denn nun gern: Geruhen die Damen und Herren TAZ-Kolumnist(inn)en jedes Mal selbst gefragt zu werden, was denn nun „politisch korrekt“ und also „richtig“ sei? Und ĂŒbernehmen diese dann auch die Verantwortung?

ZurĂŒck zu der Frage, ob Polizisten „Abfall“ sind:

Wenn man Polizisten anspuckt, diese mit Steinen und Flaschen bewirft, deren MĂŒtter als Huren bezeichnet - was, BITTE, erwartet man dann? Und wer will es Polizisten verdanken, dass, wenn - nach deren und ĂŒbrigens auch meiner Erfahrung - solches immer wieder von Menschen mit einem bestimmten  Habitus (Aussehen, Verhalten) ausgeht, dass diese dann selbst eine Erwartungshaltung aufbauen und sodann - man nennt das "selbsterfĂŒllende Prophezeiung" - in einer harten - und sogar brutalen Weise reagieren, die zwar nicht „richtig“ und keineswegs „professionell“ - im Einzelfall sogar strafbar ist, aber dennoch keinerlei Anlass zu der Vermutung bietet, dass Polizisten in ihrer Allgemeinheit „Abfall“ seien.

Wer das aber so darstellt, wie es Hengameh Yaghoobifarah macht, folgt in seiner (hier:ihrer) Denkweise selbst Mustern, die denen des Rassismus bis aufs i-TĂŒpfelchen gleichen. Insbesondere Mustern, die darauf hindeuten, dass der oder die sich so Ă€ußernde viele Dinge nicht zu Ende denken kann oder, falls doch, das nicht einmal will.

Und das, Hengameh Yaghoobifarah, ist NICHT „links“, NICHT „elitĂ€r“, sondern „verwerflich“. Ich bin weit „links“ von Dir.

Etwas anderes sind strukturelle Probleme, die sich im Laufe der Jahre in Form von WohlfĂŒhlblasen gebildet haben. Denn es tritt immer mehr zu Tage, dass einzelne Subjekte innerhalb der Justiz und der Polizei ungeheuer naseweis reagieren und sodann innerhalb der Polizei und der Justiz regelwidrig gedeckt werden. Dieser gegenseitige Schutz, dieses Ausbilden einer Blase hat aber relativ wenig mit den konkret falsch handelnden Personen zu tun, es ist eine, wissenschaftlich gesehen, sogar zwingende Folge, gegen welche eine Demokratie, die eine solche bleiben will, etwas tun muss. 

Der grausam endende Fall Amad Ahmad hat insofern Aspekte, die auch in meinem Konflikt mit der Kassler Justiz identisch sind. Ich kann mich nur besser - und anders wehren.

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